Zwei Wochen im Alltag? Eine gefühlte Ewigkeit. Auf Reisen? Weltverändernd. Schnell stand nach immer wiederkehrenden Erkrankungen für mich fest, dass ich etwas ändern muss. Die Zusage für die Tätigkeit als Englischlehrer in Kolumbien erhielt ich binnen weniger Tage. Alle Lichter standen auf leuchtgrün für meine neue Strategie: Reisestopp, irgendwo mal ankommen. Vielleicht war es ja das, was mir insgeheim fehlte. Und?
Bogotá – Ein Lehrer- Crashkurs
Das Hotel kenne ich jetzt in und auswendig. Bogotá? Nicht gesehen. Unterricht ab 8 Uhr bis 17.30, danach bewältigen des administrativen Chaos. Montag bis Samstag. Lernkonzepte. Unterrichtspläne. Besuch von der kolumbianischen Polizei, die uns beibrachte, wie wir uns in Kolumbien halbwegs sicher bewegen können. Dazwischen kurze Essenspausen. Klingt anstrengend? War es auch. Und meine Mitstreiter? Zu meiner Überraschung überwiegend Muttersprachler zwischen Mitte zwanzig und sechzig. Einige erfahrene Englischlehrer waren dabei, aber auch Newcomer wie ich. Wo es letztlich hingehen würde, erfuhren wir erst drei Tage vor Abflug.
Wir durften drei Präferenzen einreichen, aber die gewünschte Platzierung ist nicht garantiert. Mein Favorit Cartagena war nicht auf der Auswahlliste. Deshalb wählte ich Cali. Immer tropisch warm, DIE Stadt für Salsa, von Bergen umgeben. Klingt doch gar nicht schlecht, oder? Einziger Haken: Cali ist nicht unbedingt die sicherste Stadt in Kolumbien. Na ja, dann ist eben aufpassen angesagt.
Cali – Liebe auf den ersten Blick
Und so kam es dann auch. Cali it is. Ankunft am Sonntag vor zwei Wochen. Schon da fühlte ich mich wohl. Überall Palmen, exotische Früchte, Vogelgezwitscher. Dazu der Trubel einer drei-Millionen-Einwohner-Stadt.
Erstmal ab ins Airbnb und die Gegend etwas erkunden. Eine Woche später zog ich in meine endgültige Bleibe. Das Zimmer war schnell gefunden. Wichtigstes Kriterium für mich: Ich wollte mit einer Muttersprachlerin ohne Englischkenntnisse zusammen wohnen. Deshalb bin ich bei einer quirligen 53 jährigen Kolumbianerin eingezogen. Passt perfekt. Ihr bereitet es sichtlich Freude, mir ihre Kultur und ihre Stadt näher zu bringen. Aber Kolumbianer sind eh die herzlichsten und hilfsbereitesten Menschen, die ich je kennengelernt habe.
Wie ist es, in Cali zu unterrichten?
Eine tolle Erfahrung. Ein Sprung ins kalte Wasser. Meine Aufgabe: Klassen im Teenageralter Englisch vermitteln. Unterrichtszeit: 6.30 Uhr bis 12.30 Uhr. Aufstehen um 5.30 Uhr. Uff. Eine ziemliche Umstellung. Die Schule liegt in einem Problembezirk von Cali und ich wurde schon schief angeguckt, weil ich mit öffentlichen Verkehrsmitteln hinfahre. Die Ausstattung ist erstaunlich gut, es gibt teilweise Beamer. Die Klassen sind riesig, oft sitzen um die vierzig zappelige Teenager vor mir. Aber es klappt ziemlich gut, ich bin selbst überrascht.
Was ich bisher daraus gelernt habe? Lehren ist kreativ und anspruchsvoll. Es macht mir richtig Spaß, mir immer wieder neue Aktivitäten einfallen zu lassen, um die Schüler bei Laune zu halten. Nicht den ganzen Tag am Computer zu sitzen, hat definitiv was. Die Unterrichtszeit ist allerdings nicht so meins. Ich bin dankbar für diese Erfahrung. Ein weiterer Baustein, um der Frage nach meinem zukünftigen Berufsweg näher zu kommen.
Und sonst so – Hatte die Veränderung den gewünschten Effekt?
Kurz und knapp: Ja. Jetzt die Langform. Ich habe eine wichtige Lektion für mich gelernt. Klassisches Backpacking? Nichts für mich. Ich brauche einen Ort, an den ich nach Ausflügen wieder zurückkehren kann. Das permanente aus-dem-Koffer-leben hat mich angestrengt. Das ständige sich-neu-orientieren. Ständig neue, flüchtige Bekanntschaften. Schön für ein paar Wochen. Nicht jedoch für ein paar Monate. Ich wollte dieses Touristengefühl loswerden. Merkte, dass ich eine gewisse Routine brauche. Es fiel mir sehr schwer, diese aufrecht zu erhalten. Der Sport fiel hinten runter. Die Ernährung litt. Ich meditierte seltener.
Inzwischen habe ich meine Mitte wiedergefunden. Cali ist eine Sportstadt. Es gibt viele kostenlose Kurse, darunter auch klettern. Und jede Menge Streetworkouts. Perfekt für mich! Meine Ernährung habe ich seitdem auch wieder umgestellt. Gemüse pur, sag ich nur 😉 Jeden Tag lege ich eine kleine Meditationseinheit ein. Das ist Lebensqualität für mich!
Und wie soll es nach Cali weitergehen?
Gute Frage. Aktuell schwirrt mir der Gedanke im Kopf herum, im Anschluss meine Europa-Radtour zu machen. Ende Juni ist das Programm zu Ende. Die ideale Zeit für Radtouren. Mal schauen, was mir noch so einfällt…
Voll schön das du dich drauf eingelassen hast irgendwo anzukommen und eine solche Herausforderung anzupacken ?
Ja, es fühlte sich einfach richtig an! Wie geht es dir?