Ich sitze vor einem über hundert Jahre alten Ofen eines alten Bauernhauses und schreibe. Zwei Tage sind vergangen, die meine ganzen Pläne auf den Kopf gestellt haben. Der Auslöser: Veronika und Roman. Nein, das sind nicht meine Reisepartner. Wer dann?
Reisepartner ade – Hallo Abenteuer!
Eine Woche ging es gut. Oder mehr schlecht als recht. Zwei Menschen ohne Schnittmenge. Ich rede von mir und meinem Reisepartner. Ich wollte Land und Leute kennenlernen. Couchsurfen. Abenteuer erleben. Erfahren, wie Österreich tickt. Zelten als Backup nutzen, falls sich nichts ergab. Er wollte Natur pur, Ruhe, Städte eher weniger ansehen. Vor zwei Tagen rang ich mich zum Gespräch durch. Eine Last fiel von meiner Schulter. Er teilte meine Meinung. Uff.

Die erste Woche – Couchsurfing, ich komme!
Meine einzige Idee vor der Reise? Eine Radtour machen. Zelten. Oder so. Alles weitere würde sich ergeben. Schnell spürte ich, dass meine Reise eine andere Richtung nehmen sollte. In Linz kam mir die Idee, einfach Leute auf der Straße zu fragen, ob ich auf ihrer Couch nächtigen darf. Klappt übrigens wunderbar. Zwei Leute von Greenpeace wollten mich aufnehmen. Zum Schluss hatte ich plötzlich zwei Einladungen. Landete bei Simon über die Couchsurfing App. Seine Gastfreundschaft war einfach unglaublich. Wir kochten am Abend zusammen und probierten uns durch seine Weinsorten durch.
Wie ich darauf kam? Aus einer Diskussion heraus. Ein Bekannter meinte, dass Leute umso weniger hilfsbereit sind, je reicher das Land ist. In mir weckte sich großer Widerstand. Ich glaube daran, dass sich überall Menschen finden lassen, die gerne helfen. Denen es Freude bereitet. Einfach so. Die einen Blick für ihre Mitmenschen haben. Ja, in meiner Einzimmerwohnung in Frankfurts Innenstadt vor dem Computer sitzend habe auch ich zunehmend die Welt um mich herum vergessen. Die Menschen in Kolumbien haben mich aufgeweckt. Mir gezeigt, was Gemeinschaftssinn bedeutet. Wie schön es ist, zu helfen und Hilfe anzunehmen. Milch kaufen? Warum? Ist doch leichter, den Nachbarn zu fragen. Und dafür den Kuchen zu teilen. Ja, das ist es, wie ich leben möchte. Mehr teilen und so weniger konsumieren. Mehr Austausch von Ressourcen und Talenten statt einsames nebeneinander herleben.
Drei Tage auf dem Bauernhof – Zwischen Ziegen und satter Zufriedenheit
Übrigens: Linz war schön. Steyr noch schöner (siehe Bild). Wovon ich euch jetzt aber erzählen möchte, sind zwei besondere Menschen. Genau, Veronika und Roman. Da saß ich nun auf der Wiese in der Mittagshitze mit meiner gescheiterten Reisepartnerschaft. Was nun? Ein Blick auf die Couchsurfing App. Stop mal. Ein Bauernhof ganz in der Nähe von Steyr. Ich wollte doch schon immer mal….Und das Wetter wird in den nächsten Tagen eh nicht so besonders….Gesagt, getan. Veronika angeschrieben. Eine Stunde später die Nachricht: Klar, komm gern vorbei, ich bin da. Ich schlug einen gedanklichen Purzelbaum vor Freude. Was dann kam, lässt sich kaum beschreiben.

Veronika, die Besitzerin des Hofes, ist die Warmherzigkeit in Person. Sofort fanden wir einen Draht zueinander. Ich wollte alles wissen, mitmachen und ausprobieren. Eine Stunde später ging es ab in den Stall. Die Ziegen verschafften sich schon lauthals Gehör. Hunger! Ausmisten.. Dann.. Ziegen melken. Nach kurzer Zeit hatte ich den Dreh raus. Welch Gefühl, selbst frisch gemolkene Ziegenmilch zu trinken! Ich bombardierte Veronika mit Fragen. Schöpfte Ziegenkäse und ließ mir erklären, wie die Milch zunächst gerinnt. Wir kochten zusammen, aber wie! Spinatstrudel mit selbstgemachtem Teig. Krautfleckerl. Suppe. Machten Salat mit Gurken aus dem Garten. Ein Fest!
Und dann? Traf ich Roman. Wie ich ihn beschreiben würde? Mit einer Anekdote. Am ersten Morgen antwortete er mir auf die Frage, was er heute schon gemacht hat: „Einen guten Eindruck.“ Ein herzlicher Lacher meinerseits. Ein verschmitztes Lächeln seinerseits. Damit war klar: Wir senden auf der gleichen Wellenlänge. Auch er ist eine echte Wissens-Schatzkiste. Seit über fünfzig Jahren fotografiert er. Macht Bilder, die Fotografen neidisch werden lassen. Von seiner Fotoapparate-Sammlung ganz zu schweigen.

Heute wollte ich eigentlich weiter. Roman meinte dazu: Ach ja, am Abend bist du bestimmt noch da. So war es dann auch. Meine Entscheidung revidierte ich innerhalb von fünf Minuten, als Veronika und ich anfingen, über das Basteln zu sprechen. Wir teilten diese Leidenschaft. Ein Origaminachmittag war zu verlockend. So saßen wir mit den Nachbarskindern am Tisch und falteten, was das Zeug hielt. Natürlich, nachdem wir bei den Schafen auf der Weide waren und sie mit einer ordentlichen Streicheleinheit versorgt hatten. Und bei den Nachbarn vorbeigeschaut haben.

Mein Fazit? Tja, meine lieben Eltern, vielleicht habt ihr doch Recht und ich lebe eines Tages auf dem Bauernhof mit vielen Tieren. Ich habe mich jedenfalls selten so wohl gefühlt in meinem Leben. Draußen in der Natur, mit Tieren, erntbaren Kostbarkeiten und lieben Menschen umgeben – da vergeht die Zeit, ohne das ich es merke. Und möchte sie am liebsten anhalten. Genau jetzt.




Oh wie schön (: